TEST // Brook City

TEST // Brook City

Als ich den Kickstarter zu „Brook City“ sah, war mein erster Gedanken „Boah, was sieht das Spielbrett langweilig aus. Das willst du bestimmt nicht spielen.“ Doch wie das bei Kickstartern oftmals so ist, kam mit der Zeit immer mehr das Gefühl auf, dass da vielleicht doch mehr drinstecken könnte. Vor allem die Thematik mit den Action-Cops fand ich klasse. Da ich „Street Master“ bislang noch nicht kannte, hatte ich mich mit dem Modularen Decksystem der Sadler-Brüder noch nicht beschäftigt. Lange habe ich hin und her überlegt, Videos geschaut und den Vorentwurf des Regelbuchs gelesen. Eine weitere Hürde bei meiner Entscheidung war, dass das Spielmaterial durchweg in Englisch ist und meine Frau, mit der ich hauptsächlich am Spieltisch sitze, nicht immer glücklich ist, wenn es zu Verständnisproblemen auf Grund der Sprache kommt. Letzten Endes habe ich salomonisch entschieden und meine Frau gefragt „Schatz, sollen wir das kaufen?“. Gleich zwei kleine Spoiler vorweg – ich habe den Kickstarter am letzten Tag natürlich unterstützt und das Englisch ist so leicht verständlich, dass es bislang so gut wie zu keinem Verständnisproblem gekommen ist.

Als ich das Spiel zum ersten Mal aus dem Karton nahm, war meine Erwartung noch relativ gedämpft. Das Game Board sah genauso eintönig aus, wie ich es befürchtet hatte. Begeisterung kam dann direkt zum ersten Mal auf, als ich durch die Karten gesehen habe. Die Illustrationen haben sehr großen Wiederkennungswert. Klassische Action- und Cop-Filme wie „Beverly Hills Cop“, „Die nackte Kanone“, „Stahlharte Profis“, „Robocop“, „S.W.A.T.“, „FARGO“, „Se7en“ und der sympathische Serienkiller von Nebenan „Dexter“, sind wunderbar getroffen und sorgen gleich für den Wunsch, die Regeln umgehend lernen zu wollen.

Mein erster Kontakt mit dem Modularen Decksystem benötigte durchaus eine gewisse Eingewöhnungszeit. Unter anderem das Zusammenspiel zwischen CRIMINELL-Deck und CASE-Deck verleitet mich gerne schon mal dazu, Begrifflichkeiten und Anweisungen zu vertauschen. Auch das Übergeben von INFLUENCE-Tokens aus der persönlichen Crime-Area in die allgemeine CRIMINELL-Area bedarf ein wenig Gewöhnung und war zu Beginn nicht unbedingt gleich verständlich. Doch wenn alles erst einmal bei den Regeln sitzt, was bei uns schnell der Fall war, wenn die verschiedenen Kartenzonen der Reihe nach von links nach rechts und jeweils auf sich bezogen abgearbeitet werden, spielt sich das System sehr leicht.

Besonders gut gefallen hat mir vor allem, dass jeder Cop ein sehr thematisches Deck hat, das sich jeweils anders spielt. Morgan zum Beispiel, der auf „Dexter“ beruht, versteht es wie keiner Zweiter, Orte zu manipulieren und seinen Vorteil aus Begegnungen zu ziehen. Ranae Benson, für die Adam Sadlers Verlobte das Vorbild war, ist eine geübte Hackerin und kann im Grunde von jeder Position des Boards aus Ermittlungen durchführen. Dies macht sie zu einer willkommenen Ermittlerin in jedem Team, lässt sie aber durchaus auch ein bisschen zu mächtig erscheinen, da die Bewegung auf dem Board oftmals die größte Bürde beim Kampf gegen das Verbrechen darstellt. Selena Gonzalez erscheint wie ein Abbild von Christina Sanchez aus „S.W.A.T.“ und mit ihrer taktischen Prägung kann sie von Häuserdächern entfernte Ziele aufs Korn nehmen oder bei Begegnungen vor Ort besonders effektiv vorgehen.

Durch die Möglichkeit verschiedene Fälle und Kriminelle zu mixen und jeweils mit unterschiedlichen Cop-Teams zu bekämpfen, bleibt der Wiederspielwert von „Brook City“ recht hoch. Die einzelnen CASE- und CRIMINELL-Decks haben, ähnlich wie die Cop-Decks, unterschiedliche Spielweisen. In „The Slain Diplomat“ gilt es z.B., den Mord an einem Diplomaten dadurch aufzuklären, die CLUE-Tokens von vorgegebenen Orten unter verschiedenen Bedingungen einzusammeln. In „Jump Start“ ist eine Autohehlerbande in der Stadt unterwegs und die SpielerInnen müssen verhindern, dass die Karossen aus der Stadt transportiert werden. Bei den CRIMINELL-Decks kann u.a. gegen Slade Harper gespielt werden, der versucht, die Stadt mittels einer Überschwemmung mit INFLUENCE-Token in seinen Griff zu bekommen, während der durchgedrehte Gus Ferguson mit seiner Spitfire durch die Straßen düst und den Drogenhandel in der Stadt in seine Gewalt bringen will.

Mein persönliches Highlight bei den bisherigen „Brook City“- Runden war die Kombination aus der „The Sixth Cycle“-Erweiterung. Marcy entsendet über das CRIMINELL-Deck Kultisten mit Schweinsmasken, um rituelle Morde zu begehen. Gleichzeitig treibt sich über das CASE-Deck ein Verrückter in der Stadt herum, der nach Vorbild von Leonardo da Vincis „Vitruvianischer Mensch“ mordet. Wer möchte, kann den Fall mit Earl Thompson angehen. Diesem kann eine gewisse Ähnlichkeit zu Samuel L. Jackson und dessen Coolness nicht abgesprochen werden. Optisch erinnert die Gestaltung der Karten natürlich auch an Morgan Freeman in „Se7en“. Ob es jedoch auch ein mysteriöses Paket im Verlauf des Falls zu öffnen gibt, sei an dieser Stelle nicht gesagt. Kenner des Films wissen sicherlich, wovon ich hier schreibe.

Wer bis hierhin gelesen hat, wird sicherlich unschwer erkannt habe, dass ich trotz der anfänglichen Bedenken nicht einen Cent bereue, den ich in das Spiel investiert habe. Ganz im Gegenteil ärgere ich mich im Nachhinein sogar, dass ich die anderen Erweiterungen nicht auch noch gekauft habe. Nun freue ich mich umso mehr, dass ich beim „Street Master: Aftershock“-Kickstarter nahezu All-In gegangen bin und auch bei „Altar Quest“ bin ich bereits Unterstützer. Das Modulare Decksystem macht uns einfach mächtig Laune und die Liebe, die in der Gestaltung der unterschiedlichen Decks steckt, finde ich fantastisch. Es hat im Kalenderjahr 2019 durchaus bereits einige gute Spiele gegeben. Aber keines davon hat mich auch nur annähernd so begeistert wie „Brook City“, das durch seine wunderbar thematische Umsetzung und die Abwechslung durch die Unterschiede in den einzelnen Decks zu fesseln versteht. Für mich ist „Brook City“ bislang das Spiel des Jahres. Und ich kann mich nachträglich nur bei meiner Ehefrau bedanken, dass sie sich für mich seinerzeit richtig entschieden hat! Salomonisch halt….

Bilder zum Spiel

Tags: Thematisch, Miniaturen, Kickstarter, Variable Helden-Fähigkeiten, 1-4 Spieler, Würfelspiel, Kooperativ, Solospiel

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