Brettspiel - Magazin

Uwe Rosenberg - Der Künstler, der Forscher, der private Mensch

Geschrieben von Daniel Krause.

Uwe Roseberg - Der Künstler, der Forscher, der private Mensch

Das großartige an der Spielmesse in Essen ist, dass auch Größen der Szene sich dort die ganzen Tage aufhalten. Egal ob Autoren, Designer oder andere wichtige Personen der Szene. Sie stellen sich in der Regel dem Publikum. Uwe nahm sich auch dieses Jahr, trotz zahlreicher Termine, Zeit für ein Interview mit brettspiel-news.de.

Vor dem Interview gingen wir gemeinsam durch die Hallen, um ein ruhiges Eckchen zu finden, dass für ein Gespräch geeignet ist. Wer selber auf der Messe war, weiß um die Schwierigkeit dieses Unterfangens. Im Pressebereich des Veranstalter fanden wir dann etwas Ruhe.

brettspiel-news.de: 1983 fand das erste Mal die Spieletage statt. Damals ahnte niemand, wie groß diese Veranstaltung mal werden würde. Wann warst Du das erste Mal in Essen?

Uwe Rosenberg: Da muss ich nachdenken. Ab 1990 habe ich in Dortmund studiert. In den ersten Jahren bin ich jedes Wochenende nach Hause gefahren. Warum ich dann nicht schon zur Messe gefahren bin kann ich gar nicht sagen. Das wäre naheliegend gewesen. Ich denke ich war 1993 das erste Mal in Essen auf der Spiel. Damals war ich enorm aufgeregt. Ich fragte mich beim betreten der Hallen, was wäre, wenn mich jemand erkennen würde. Schließlich sind in dem Jahr meine ersten beiden Spiele “Marlowe” und “Times” bei Salagames erschienen. Aus heutiger Sicht reichlich naive Gedanken.

brettspiel-news.de: Dieses Jahr wurde der neu erdachte InnoPreis, für besonders innovative Spiele, vom Messeveranstalter verliehen. Wie findest Du diesen neuen Preis? Was erwartest Du von ihm?

Uwe Rosenberg: Dieser Preis ist ja der Nachfolger der golden Feder, die bisher jedes Jahr das Autorenspiel mit der besten Spielregel, Verständlichkeit und Zugänglichkeit ausgezeichnet hat. Der neue Preis ist sehr wichtig, aber auch schwer zu vergeben. Autoren sollten ausgezeichnet werden, wenn sie etwas besonderes erfinden, dass danach in viele Spiele Einfluss gehalten hat. Bei Spielen wie “Bus Boss” oder “UR” zum Beispiel ist die Frage, ob es die ersten Versionen, vom heute so beliebten und weiter entwickelten Worker Placement sind. Im Prinzip müsste recherchiert und durch Befragung von Zeitzeugen aufgeschlüsselt werden, wer die Idee in der Grundform das erste mal hatte. Oder nehmen wir die “Kramerleiste”. Das ist die Ausnahme, wo der Erfinder mal mit der bis heute etablierten Punkteleiste verbunden ist. Solche grundlegenden Spielelemente sollten mit Preisen ausgezeichnet werden.

brettspiel-news.de: Wie war es für Dich, als Dein aktueller Titel “Indian Summer” plötzlich vom Namen her politisch inkorrekt dargestellt wurde? (lesen Sie hier mehr zum Thema)

Uwe Rosenberg: Lass mich überlegen.. ich bin erst einmal ruhig geblieben. Durch die schnelle positive Unterstützung durch die Community war ich dann recht schnell beruhigt. Ich habe mich erst einmal zurück gelehnt und gelesen, was an Argumenten dafür und dagegen gebracht wurden. Dass alles habe ich mir in Ruhe überlegt und natürlich recherchiert. An dem Punkt, als das “Indian Summer Festival” zur Sprache kam, war das Thema für mich erledigt. Es wird am Rande eines Indianer-Territoriums organisiert und trägt diesen Namen. Wenn eine Veranstaltung so nah an Gebieten amerikanischen Ureinwohnern diesen Namen trägt, kann es nicht politisch inkorrekt sein ein Spiel “Indian Summer” zu nennen. Ich hatte im Vorfeld keine Chance das zu ahnen, oder zu wissen. Erst recht habe ich den Titel nicht im Wissen der Fakten gewählt. Grundlegend bin ich diesbezüglich sehr vorsichtig und recherchiere viel.

brettspiel-news.de: Das ist ein spannender Aspekt, den man als Außenstehender niemals in Erwägung ziehen würde. Welche Befürchtungen hast Du denn?

Uwe Rosenberg: Nehmen wir mal das Spiel “Ein Fest für Odin” für das Spiel hatte ich zahlreiche und bessere Titel ausgedacht. Das Problem dabei ist, dass die rechte Szene den Kult um Odin sehr gerne mag und ebenfalls schon zahlreiche Titel für diverse Dinge belegt hat. Alles was ich am Anfang gut fand, war durch diese Szene bereits vergeben und für mich damit automatisch disqualifiziert. Ich glaube, ich hatte vier oder fünf andere Titel, die ich lieber genommen hätte, wenn sich nicht schon “besetzt” gewesen wären. Ich habe immer die Befürchtung, dass ich eines Tages einen Titel wähle, der dann tatsächlich die Gefühle anderer Menschen verletzt, weil er politisch inkorrekt ist oder anders unpassend ist.

brettspiel-news.de: Wäre denn zu dem Zeitpunkt, als die Diskussion über “Indian Summer” aufgekommen ist eine Änderung überhaupt noch möglich gewesen?

Uwe Rosenberg: Das kann ich jetzt gar nicht so genau sagen, weil sich um die Produktion andere Menschen kümmern. Solange der Druck noch nicht läuft müssen eventuell die Druckplatten neu erzeugt werden. Das sind noch überschaubare Kosten. Ist der Druck jedoch bereits gelaufen, dann wären die Kosten um ein vielfache höher. In diesem Fall wäre es eine Option gewesen, einen Teil der Einnahmen zu spenden.

brettspiel-news.de: Wenn wir von politischer Inkorrektheit sprechen, hat das etwas mit Gesellschaft zu tun. Bis heute sind Brettspiele aber nicht wirklich in der Gesellschaft angekommen, beziehungsweise werden sie nach wie vor von der Mehrheit nicht als relevant akzeptiert oder als “Kinderspiel” abgetan. (Brett-)Spieler wie wir werden eher als Nerds dargestellt und fristen ein Leben als gesellschaftliche Randgruppe.

Das ist bei Videospielen mittlerweile anders, wo zu einer Messe wie die GamesCon in Köln unsere Kanzlerin anreist, um diese persönlich zu eröffnen.

Wie können es Gesellschaftsspiele schaffen als Kulturgut akzeptiert zu werden?

Uwe Rosenberg: Das ist ein große Frage - die will ich jetzt nicht mit Plattitüden abtun - das würde der Wichtigkeit des Themas nicht gerecht werden. Das ist ein Thema, zu dem wir zusammen einen ganzen Artikel schreiben können. Lass uns dazu in Zukunft mal gemeinsam Ideen sammeln und dann sehen wir, welche sinnvollen Antworten wir finden werden.

brettspiel-news.de: Kommen wir von der Gesellschaftlichen Akzeptanz, zur persönlichen Motivation. Du entwickelst nun schon seit Jahrzehnten Spiele. Wie schaffst Du es Dich auch nach all den Jahren noch zu motivieren, Dir immer wieder neue Spiele auszudenken?

Uwe Rosenberg: Das sind zwei Bereiche. Die Motivation ist ganz klar darin zu sehen, dass ich mich als Künstler sehe - auch wenn sich das jetzt hochgeschossen oder eingebildet anhören mag - so ist es nicht gemeint. Ein Künstler ist für mich jemand, der für sein Schaffen brennt und mit ungebrochener Begeisterung sein Werk weiterführt. Es ist ein Lebensgefühl. Dem nicht zu folgen hieße zu leiden.

Ich habe seit der Geburt meines vierten Kindes ein Elternjahr eingelegt und kein komplexes Spiel entwickelt. Das heißt nicht, dass ich untätig war, aber der Fokus und die Konzentration auf ein Spiel alleine hätte ich nicht gehabt. Stattdessen habe ich mir 8-9 neue Spiele ausgedacht. Das ließ sich wunderbar mit der privaten Lebenssituation verbinden und jetzt freue ich mich schon ungemein darauf, endlich wieder am Schreibtisch zu sitzen, die Ideen weiter zu durchdenken und voran zu treiben. Eine Idee hat übrigens mit “On the Border” zu tun, auch wenn das Spiel am Ende nicht diesen Namen tragen wird.

Der zweite Bereich ist es auf neue Ideen zu kommen. Dabei sehe ich mich in erster Linie als Spiele-Forscher. Ich habe immer wieder Ideen, die ich wie ein Baum mit Ästen durchdenke. Es gibt Abzweigungen, die dann zur nächsten Abzweigung führen. Lande ich in einer Sackgasse, gehe ich wieder einen Schritt zurück und versuche es erneut. Manchmal ist es auch einfach Glück. Bei “Cottage Garden” bin ich einfach in das Spiel gestolpert, während ich an “Ein Fest für Odin” gearbeitet habe. An den Puzzlespielen konnte ich übrigens auch in meiner Elternzeit arbeiten. Das ist für mich reine Entspannung.

Das mit den Sackgassen trifft leider auch häufig auf innovative Ideen zu. Woody Allen sagte einmal Sinngemäß: “Wenn du nicht immer wieder scheiterst, ist es ein Zeichen dafür, dass Du nicht innovatives machst”. Das sind wir wieder beim Thema Innovations Preis.

brettspiel-news.de: Vielen Dank Uwe, dass Du Dir die Zeit genommen hast, für dieses kleine Interview. Es war wieder ein wirklich interessantes Gespräch und ich freue mich schon auf den Austausch bezogen auf die Gesellschaftliche Etablierung von Spielen.