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TEST // TAPESTRY

TEST // TAPESTRY

Die schlechten Nachrichten schicke ich gleich vorneweg – TAPESTRY ist ein thematisch beliebiges Spiel, das viel zu teuer für das Spielerlebnis ist und zudem auch noch große Balancing-Probleme bei den asymmetrischen Zivilisationen hat. Gleich hinterher kann ich ein großes ABER schicken und sagen, dass das Spiel trotz seiner mehr als offensichtlichen Makel regelmäßig bei mir auf den Tisch kommt.

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Beginnen wir mit den Kritikpunkten: Thematisch geht mir TAPESTRY fast komplett am Allerwertesten vorbei. Wenn wir spielen, gibt es keine Entdeckungs-Fortschrittsleiste, es gibt nur die blaue Leiste. Bei uns werden nicht Arbeiter genutzt, um auf der Wissenschafts-Fortschrittsleiste voranzukommen. Wir benutzen einen grauen Meeple für das Vorrücken auf der grünen Leiste. Welche Erfindungen auf den gelben Techkarten stehen, ist uns egal. Was wir sehen, ist nur der mögliche Bonus. Warum sollte es uns auch weiter kümmern? Wir müssen theoretisch noch nicht einmal Sprache und Schrift entwickelt haben, können dafür aber schon Bankwesen und Kreditkarten nutzen.

Ähnlich beliebig verhält es sich beim Wechsel einer Ära, der nichts anderes als eine Cash-Out-Funktion darstellt, um mit frischen Ressourcen weiter machen zu können. Das Gefühl, damit auch tatsächlich eine neue Ära zu begründen, kommt bei mir zu keiner Sekunde auf. TAPESTRY ist thematisch ganz schwach und wenn überhaupt irgendetwas an ein Zivilisationsspiel erinnert, dann lediglich die Zivilisationskarten. Der Rest kommt über den Status eines beliebigen Enginebuilders mit Farben und Effekten nicht hinaus. Nachdem Jamey Stegmaier mit VITICULTURE eines der thematischsten Brettspiele mit Sammlung geschaffen hat, ist dies schon eine Enttäuschung.

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Kommen wir zum nächsten negativen Punkt – die Wahrzeichenminiaturen. Generell sehen die in ihren bunten Farben gut aus. Das ist dann aber auch schon alles, was positives darüber gesagt werden kann. Die Miniaturen dürften ein Grund dafür sein, dass das Spiel seinen Preis hat, im Spiel selbst bringen sie allerdings nicht viel. Es fängt schon damit an, dass die Gebäude keinen Charakter besitzen. Anstatt z.B. Wahrzeichen für die blaue Leiste in Blau zu halten und Gebäude für die grüne Leiste in Grün, ist alles irgendwie gemischt. Am Ende ist es aber auch egal, da es eh nur darauf ankommt, wie viele Felder von einem Wahrzeichen verdeckt werden. Doch hier gibt es auch schon wieder Probleme, weil das nicht immer gut übersichtlich ist. Miniaturen wie das Gummiwerk lassen teils nur erahnen, welche Felder besetzt sind. Es ist sicherlich kein Zufall, dass es ausdruckbare Auflagen als Ersatz für die Gebäude gibt, die hier für einen besseren Überblick sorgen.

Und zum Schluss dann noch der größte Punkt – das Balancing der Zivilisationen. Die Asymmetrie bei den Zivilisationen ist sicherlich eine lobenswerte Idee, die für Abwechslung und verschiedene Strategien sorgt. Nur sind manche Zivilisationen, wie z.B. die Futuristen oder Handwerker, dermaßen stark sind im Vergleich zu den eher durchwachsenen Zivilisationen, wie z.B. den Mystikern oder Architekten, dass der Spielespaß ganz schnell verloren gehen kann. Es gibt zwar mittlerweile kleinere Anpassungen bei einzelnen Zivilisationen, die das Problem aber nicht wirklich beheben und nur ein bisschen mit Boni oder Mali bei Punkten und Ressourcen arbeiten.

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Nachdem all dies gesagt worden ist, komme ich nun zu den Punkten, warum mir TAPESTRY dennoch sehr viel Spaß macht und ich es immer wieder gerne auf den Tisch bringe.

Dass es thematisch nicht passt, kann ich so akzeptieren, da die Mechanik an sich wunderbar funktioniert. Es ist für mich immer wieder eine Freude, neue Strategien zu erproben. Ob ich beispielsweise eine Kombination der gelben mit der grüner Leiste ausprobiere oder doch lieber eine der blauen mit der roten. Setze ich erst einmal eine Leiste bis zur 12. Errungenschaft hoch oder doch besser zwei Leisten im Gleichschritt? Soll ich mich auf die Techkarten konzentrieren oder erobere ich lieber die Welt? Die Handlungsmöglichkeiten an sich sind gut überschaubar, ohne dabei jedoch an Reiz zu verlieren. Dadurch sind schnelle Runden möglich, in denen sich die Downtime in Grenzen hält. Selbst bei Mitspielern, die sich schnell in einer Analyse-Paralyse befinden, dürfte sich das Grübeln am Ende in Maßen halten. Und am Ende gibt es immer wieder die Momente, in denen versucht wird, die fehlende Ressource noch irgendwie zu beschaffen, indem kreativ einzelne Funktionen genutzt werden.

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Das Ressourcenmanagement mit den 4 zur Verfügung stehenden Rohstoffen endet nicht im Mikromanagement, sondern bewegt sich in einem eher groben Rahmen. Gerade deswegen macht es mir besonders große Freude, noch nach einer Möglichkeit zu suchen, um die letzte noch benötigte Ressourcenart zu erhalten, damit die letzte Stufe einer Errungenschaftsleiste doch noch im letzten Zug erreicht werden kann. Die schnellen Züge, die direkten Belohnungen, die mein Belohnungssystem ungemein triggern, und die insgesamt recht flüssig und schnell gespielten Runden sorgen bei mir für einen großen Wohlfühlfaktor am Tisch. Ich sehe zwar all die genannten (und kleineren ungenannten) Probleme dabei, fühle mich aber trotzdem bestens unterhalten.

Die Balancing-Probleme haben wir für uns dadurch gelöst, dass wir für unser Empfinden viel zu starke bzw. zu schwache Zivilisationen aussortiert haben und nur noch mit rund der Hälfte der Zivilisationen spielen. Das schränkt die Auswahl zwar etwas ein, lässt aber immer noch genügend Abwechslung zu, ohne die Chancengleichheit zu sehr zum Glücksspiel zu machen. Bislang fahren wir gut mit dieser Lösung, die für weitaus weniger Frust als die gesamte Palette der Zivilisationen sorgt.

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Ein nicht wegzudiskutierender Makel ist und bleibt allerdings der unverhältnismäßig hohe Preis. Würde TAPESTRY um die 50 € kosten, wäre dies vollkommen angemessen und ich könnte das Spiel deutlich eher empfehlen. Mit rund 85 € ist es aber definitiv ein wenig zu hoch angesetzt. Sicherlich ist das Material das Geld an sich wert. Nur kommt dieser Mehrwert spielerisch bei den Miniaturen überhaupt nicht zum Tragen.

Wer sich TAPESTRY als Spiel in der Tradition von SCYTHE erhofft, wird ganz sicher maßlos enttäuscht werden. Es ist weder so ausbalanciert noch hat es dessen spielerische Tiefe. Vom Spielgefühl ist TAPESTRY deutlich näher bei VITICULTURE und hat einiges von dessen Leichtigkeit im Spielgefühl, ohne jedoch dessen Klasse zu erreichen. Einen Blick empfehlen möchte ich trotzdem all jenen, die gerne ein eher leichtes Ressourcenmanagement-Spiel mit gemäßigtem Enginebuilding-Charakter spielen möchten, das auf einem unterem Eurogame-Level angesiedelt ist. Ich rate aber unbedingt dazu, das Spiel vorher zumindest einmal anzutesten und sich selbst ein Bild davon zu machen, ob es die 85 € subjektiv wert ist. Für mich persönlich liegt das Preis-Leistungs-Verhältnis noch so eben im Rahmen. Ich bin mir aber sicher, dass es bei einigen weit außerhalb liegen wird.

wertung

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Bilder von Tapestry

Tags: Ressoucenmanagement, Würfel, Teile Platzieren, 60-120 Minuten, Zivilisation, 1-4 Spieler

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